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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Sabeco

Am Sonntag erfolgte der Zuschlag für 54% der Aktien der Saigon Alcohol Beer and Beverages Corporation Sabeco, auf Vietnamesisch: Tong Kong ty Ko Phan Bia – Rurou – Nuroc Giai Khat Saigon), die als Saigon Beer Alcohol Beverage Corp seit letztem Jahr an der Börse Hanoi gehandelt wird, für doch ansehnliche 4.84 Milliarden US-Dollar, was einem gesamten Wert der Firma von gut 9 Milliarden US-Dollar entspricht.




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Für vietnamesische Verhältnisse dünkt mich dies ein ansehn­licher Wert; auch Reuters, woher ich diese Information beziehe, hält den Preis mit dem 36-Fachen des Kernertrags nicht für günstig; bei vergleichbaren Deals sei jeweils weniger als die Hälfte auf den Tisch gelegt worden. Der Verkäufer, nämlich das vietnamesische Handels- und Industrie­minis­terium beziehungsweise der vietnamesische Staat, wird sich über diese Gelder freuen angesichts des Haushaltsdefizits von 9 Milliarden US-Dollar im letzten Jahr bei Ausgaben von 57 Milliarden und Einnahmen von 48 Milliarden. Verschiedene Auflagen gegenüber Auslandinvestoren führten dazu, dass sich die großen weltweiten Getränke- und Bierhersteller nicht an der Auktion beteiligten, ob­wohl Heineken bereits im Besitz von 5% der Aktien ist. Der nun verkaufte Anteil ging an Viet­nam Beverage, die sich im Besitz der Vietnam F&B Alliance Investment Company befindet, welche ihrerseits zu 49% der BeerCo Limited gehört, und diese ist ein Bestandteil von Thai Beverage. Der Besitzer von Thai Beverage Plc heißt Charoen Sirivadhanabhakdi. Laut Wikipedia war er seit den 1980-er Jahren der Betreiber der 12 staatlichen Whiskyfabriken in Thailand und erwarb diese bei den Privati­sie­rungen von Staatseigentum im Rahmen der Asienkrise vor 20 Jahren für sich privat. Ein paar Jahre zuvor hatte er dem dänischen Bierkonzern Carlsberg als Partner beim Einstieg in den thailändischen Biermarkt geholfen, brachte dann aber ein eigenes Bier auf den Markt, das stärker und billiger war als Carlsberg und die dominante Position von Singha in Thailand zu brechen vermochte. Carlsberg zog sich nach 2003 aus Thailand zurück, worauf es von Charoen verklagt wurde und 120 Millionen US-Dollar Schadenersatz bezahlen musste. Weitere Angaben zu diesem freundlichen Menschen finden sich eben zum Beispiel auf Wikipedia.

Vor einer Woche hatte ich den Hauptstadt-Roman von Robert Menasse nach der Halbzeit elogisch gerühmt als ästhetische Weiterführung der seit 100 Jahren untergetauchten Gattung des französischen Romans. In der Zwischenzeit habe ich fertig damit und muss sagen, dass der Menasse unmittelbar nach Halbzeit das ganze Konstrukt zu zerstören beginnt. Die Fäden laufen ihm auseinander, die Beschreibung von Brüssel als möglichem Zentrum einer europäischen Triebkraft versiegt, und an ihre Stelle tritt ein paralleles Hauptstadt-Motiv, welches den bereits vor einer Woche kritisch erwähnten Hang zur Aktivierung der Judenfrage auf eine absurde und lächerliche Spitze treibt: Wenn man die Aussage, dass die EU gegründet wurde, um in Zukunft Auschwitz zu vermeiden, Ernst nehmen wolle, dann müsse eine künftige, synthetische EU-Hauptstadt auf dem Gelände des ehemaligen KZ Auschwitz entstehen. Mit dieser Kapriole entrichtet Menasse selbstverständlich seinen Obolus an eine vermeintliche politische Korrektheit. In Tat und Wahrheit macht er nicht einmal das Gegenteil. Wenn man sich nämlich mit der Frage beschäftigen will, welchen Umgang die Generationen nach dem Holocaust mit dem Holocaust pflegen wollen und sollen, dann muss man das anders angehen. Ich könnte nicht aus dem Stegreif die richtige Form dafür angeben, mit erheblicher Wahrscheinlichkeit gibt es dafür auch verschiedene Formen, meinetwegen sogar alle Formen, um dem Ärger über die Judenfresserinnen und Judenfresser aller Länder Ausdruck zu geben, aber der von Robert Menasse in der Form einer Spielmünze auf den Tisch gelegte Vorschlag genügt weder ideentechnisch noch literarisch noch sonst wie. Vor allem, weil diese Verneigung vor der politischen Korrektheit wie gesagt die ersten Skizzen der realen Hauptstadt Brüssel richtiggehend ausradieren. Und damit bleibt das Verdienst von Robert Menasse nur, aber immerhin jenes, die Europäische Union in der Form der Europäischen Kommission und der Institutionen sowie der Europahauptstadt Brüssel als Romanthema, als literarisches und ästhetisches Subjekt portiert zu haben.

In Österreich wurde die neue rechtsnationalistische Regierung vereidigt mit dem Unflat Heinz-Christian Strache an der Seite des geschniegelten Jungpolitikers Sebastian Kurz. Ich muss zugeben, dass ich mich in letzterem wohl getäuscht habe. Zu sehr hat er mich an den ebenfalls geschniegelten Karl-Heinz Grasser erinnert, dessen breite Schmierspur rund um verschiedene Privatisierungen während seiner Amtszeit für europäische Verhältnisse außerhalb des ehemaligen Ostblocks schlicht atemberaubend ist und bleibt. Das dürfte nicht das Ziel sein von Sebastian Kurz. Dem geht es eindeutig um die Macht, und zwar um die alleinige Macht, soweit das im Rahmen demokratischer Verhältnisse überhaupt möglich ist. Seine Ambition ist es eher, so etwas wie ein österreichischer Giulio Andreotti zu werden, der noch im Alter von 94 Jahren die Fäden hinter den Kulissen der italienischen Politik zog, bevor er endlich den Löffel doch noch abgab. Angesichts der steigenden Lebenserwartung kann man bei Kunz sogar bis über das 100. Lebensjahr damit rechnen, wobei sich die österreichische Politik und der österreichische Staat vom italienischen dann doch noch unterscheiden, sodass Kunz dann vielleicht bei Gelegenheit doch noch irgendwo einen Batzen einsteckt. Aber im Moment rechne ich nicht damit. Vom Strache erwarte ich dagegen keine besonders lange politische Lebensdauer; solche Typen verlieren Schneid und Charme, wenn sie mal in politische Ämter kommen, da können sie nicht mehr gut gegen die da oben wettern, wenn sie selber da oben die Rosinen aus dem Teig picken. Ein zweiter Kunstmaler aus Braunau ist er nicht, und aus den Reihen der FPÖ wird auch kein zweiter Kunstmaler aus Braunau hervorgehen; aber die Noten für das politische Reifezeugnis der österreichischen Bevölkerung fallen in diesen Jahren selbstverständlich schon verheerend aus.

Es ist insgesamt überraschend, wie hilflos nicht nur die Sozialdemokratie, sondern die gesamte Gesellschaft reagiert auf die Tatsache, dass die Möglichkeiten des sozialdemokratischen Kapitalismus weitgehend erreicht sind. Eigentlich müsste man zum vollständigen Glück der Bevölkerung nur noch ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen, dann hätten die Menschen mindestens im Prinzip ihre Ruhe vor der Unbill des modernen Lebens in der Form von Arbeitssuche, Behördenschikaniererei und so weiter und so fort. Wenn sich auch mit dem Grundeinkommen an den Machtverhältnissen an und für sich gar nichts ändert, so wäre doch dies schon mal ein grundsätzlicher Fortschritt, eine echte minimale Freiheit für alle Menschen. Aber offensichtlich stellt sich schon vor der Einführung des Grundeinkommens heraus, dass nicht nur die Österreicherinnen und Österreicher, sondern überhaupt die Objekte oder Subjekte der modernen sozialdemokratischen Gesellschaft keine Ahnung davon haben, erstens, was sie überhaupt erreicht haben und zweitens, was sie mit ihren Freiheiten anstellen sollen. Anders kann ich mir das mehr oder weniger verzweifelte Geschrei und die zum Teil vollständig durchgedrehten Ansichten zur Welt und zu uns in ihr nicht erklären. Es stellt sich tatsächlich die Frage, ob der Missbrauch des eigenen Denkapparates zur Herstellung und Verbreitung von Lügen eine neue Form von Krankheit darstellt, gegen welche die Bevölkerung dringender geimpft werden sollte als gegen Masern. Wie ich mit echtem Entsetzen immer wieder feststelle, beschränkt sich diese Krankheit durchaus nicht auf die völkischen Rechtsextremen und Nationalisten, sondern hält sich auch bei Umweltfreunden und Anhängern von geschöpften Geschöpfen der Schöpfung in prächtigen Ausformungen, zum Beispiel bei den Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels aufgrund der Klimaerwärmung. Es ist leider exakt derselbe Widerwille gegen die Wahrheit hüben wie drüben, bloß dass einen die Rechten deutlich mehr verstimmen, weil man sich halt bewusst ist, dass da zumal in Deutschland und Österreich immer Gaskammern, Konzentrationslager und Weltkrieg mitschwingen. Bei den Polen verhält es sich zwar anders, aber doch wieder ähnlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass dort nur drei Monate nach der Befreiung des Konzentrationslagers in Auschwitz im Jahr 1945 bereits wieder Pogrome gegen die Juden stattgefunden haben. Und über die Ungarn, wo die rechtsextreme Jobbik unterdessen linksliberale Positionen vertritt, weil ihr die rechtsextremen von Regierungschef Orban weggefressen wurden, braucht man erst gar nicht zu sprechen.

In Italien hat es Massimo D'Alema verdankenswerterweise geschafft, endlich eine eigene Splittergruppe zu bilden, anstatt innerhalb seiner jeweiligen Parteien alles zu sabotieren, welches entfernt an Politik und politische Mehrheiten erinnert. Auf seine Art und Weise ist er schon lange eine Art von Karikatur von Giuliano Andreotti, indem er nämlich keine Fäden in Händen hält, die er zu ziehen wüsste, aber immerhin noch über genügend Aufmerksamkeit verfügt, um die politische Linke in regelmäßigen Abständen zu spalten. Vielleicht ist das heutzutage nicht mehr so dramatisch, wo auch noch die letzten moralischen Grundsätze dieser Linken von der Praxis in der Politik und in den roten Banken und Kooperativen geschleift worden sind, es handelt sich mit wenigen Ausnahmen um das selbe Pack wie jenes von Berlusconi, aber auch hier sind es halt die Erinnerungen an frühere Politikerinnen und Politiker mit einem gewissen minimalen Format, welche einem eine gewisse Wehmut einflössen.

Aber Kopf hoch! In regelmäßigen Abständen werden Berichte zur Lage, nicht der Nation, sondern der Welt veröffentlicht, welche nachweisen, dass es den Menschen in praktisch sämtlichen Belangen immer besser geht. Die Armut geht zurück, die Gesundheit verbessert sich, der Bildungsgrad steigt, auch wenn wir in den entwickelten Ländern im Moment grad ein ordentliches Versagen der Bildungssysteme erleben. Aber grundsätzlich zeigen die wesentlichen Parameter der Menschheitsentwicklung nach oben. Das bietet uns Trost in solchen schweren Zeiten, in denen wir uns wirklich fragen, wie es so viel Dummheit an die Öffentlichkeit schafft. Ist das einfach eine Folge der Demokratisierung der Kommunikation? Wenn dem aber so wäre, dann müsste doch auf der anderen Seite auch eine wahre Schwemme an vernünftigen Diskussionen und Foren und sozialen Medien ausbrechen. Gibt es so etwas, so etwas wie ein Facebook der Vernunft oder ein Twitter der Vernunft? Hier ist mein Vorschlag, zugunsten dessen ich sogar mein anderes Lieblingsprojekt, nämlich jenes der Erfurter Mauer, vorübergehend aussetze: Bringt mir einen Techniker, welcher mir genau dieses Netzwerk der Vernunft zu erstellen imstande ist, es mag meinetwegen Ratio oder Aufklärung oder Enlightenment oder wie auch immer heißen, aber es wird eine strikte Zensurbehörde eingesetzt, welche alles aus diesem Forum kippt, was nicht hieb- und stichfest ist.

Oder gibt es diese Foren bereits? Warum sagt mir in diesem Fall niemand nichts davon?

Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
19.12.2017

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