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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Die Hauptstadt

Die Solidaritätsadressen kamen von allen Seiten, auch von rechtsaußen, vom Chef der Lega Nord Matteo Salvini, nachdem ein Dutzend Neofaschisten das Redaktionsgebäude der «Repubblica» mit ein paar Utensilien von Fußballfans angegriffen und mit drastischeren Maßnahmen gedroht hatten.




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Unmittelbarer Auslöser war offenbar die Berichterstattung der Repubblica über den Angriff der­sel­ben Sorte von Neofaschisten auf die Betreuer eines Flüchtlingslagers in Como; das heißt, die Neo­fa­schisten wollen die Presse zum Schweigen bringen, um ihre Gewaltaktionen außerhalb der breiten Öffentlichkeit immer weiter auszudehnen; die engere Öffentlichkeit, das heißt die eigenen Partei­ge­nos­sen, informiert man dagegen über die sozialen Medien umso genauer. Das macht ja auch Spaß, und damit rekrutiert man erfolgreich weitere Schläger für immer breitere Einsätze gegen all das, was einem nicht in den Kram passt.

Mir passen die rechtsextremen Schläger nicht in den Kram. Aber vorderhand bin ich noch nicht ge­neigt, zur Gründung bewaffneter Widerstandsgruppen aufzurufen. Zunächst einmal ist kaum richtig abzuschätzen, welches Gewicht man dem rechte Gesocks überhaupt beimessen muss, von den Fratelli d'Italia über die Casa Pound bis zu den Skinhead-Schlägern. Eine politische Dimension geht denen schlicht und einfach ab, sie haben keinen Plan und keine Chance, irgendwie und irgend­wann an die Macht zu kommen. Ein autoritäres Regime wie vor achtzig Jahren ist schlicht und ein­fach unmöglich. Wer totalitär agieren will, muss die Köpfe der Menschen, wozu ich übrigens auch die Herzen zähle, für ein lineares Programm gewinnen, und das geht nun mal im Kom­mu­ni­ka­tions­zeit­alter nicht, min­des­tens nicht mit Menschen, welche einen Grundstock an Allgemeinwissen verfügen zum einen und die zum anderen organisiert sind entlang unter­schied­licher Interessenlinien und -gruppen, einmal abgesehen davon, dass die Menschen trotz aller gegenteiligen Propaganda längstens nicht mehr fest den Nationen zuordenbar sind. Ich halte eine Neuauflage des Faschismus strukturell für unmöglich. Und insofern reicht es mir völlig, wenn sich Staatsanwalt­schaft und Polizei mit den fremdenfeindlichen Idioten beschäftigen.

Wenn sie es denn tun. Die «Zeit» meldet am 2. Dezember, dass im Jahr 2017 schon über 1000 Asylbewerberinnen und Asylbewerber außerhalb ihrer Unterkünfte angegriffen wurden, wobei mehr als 200 verletzt wurden. Dazu kommen die Attacken auf die Unterkünfte der Flüchtlinge; hier meldet das Bundeskriminalamt knapp 300 Vorfälle pro Jahr. Diejenigen, die dafür verantwortlich zeichnen, sehen das allerdings genau umgekehrt. Ein Nachrichtenportal, welches sich mit der Maske der anonymen Globalisierungskritiker schmückt und den Titel anonymousnews trägt, neben der Ländervorwahl oder -nachwahl Punkt ru, also dem für absolute Objektivität und immer­währen­de Neutralität bürgenden ewigen Russland, publiziert eine «Liste des Schreckens»: «Kein Tag mehr in Deutschland, an dem Merkels Migranten keinen Mord verüben». Mit 365 Mordtaten pro Jahr lassen sie den rassenreinen Deutschen für das Jahr 2016 gerade noch 8 Morde übrig, aber vermutlich wurden auch die von Deutschen mit Migrationshintergrund verübt, denn der rassenreine Deutsche mordet bekanntlich nicht, und wie es gemäss der Mordstatistik von statista dazu kommen konnte, dass im Jahr 2000 volle 497 Morde verübt wurden in Deutschland, und zwar lange vor der islamistischen Einwande­rung, das braucht weder den russischen Anonymus noch die Seite Islamnixgut oder die im blog auf den Anonymus verlinkende freiewelt.net. zu kümmern. Die meuchelnden Einwanderer liegen auf jeden Fall im Vorsprung gegenüber den schlagenden und stechenden und zündenden rechts­natio­nalen Idioten, die natürlich nicht nur deshalb Idioten sind, weil sie solche Nachrichten glauben.

Mit anderen Worten: Was der Italiener in Como versuchte, das ist in Deutschland schon Tradition, und zwar mehr oder weniger ununterbrochen seit der Wende in Hoyerswerda, Rostock-Lichten­hagen und so weiter. Und so wüsste ich bei Gelegenheit gerne mal, ob die 1000 rassistischen An­griffe und die 300 Attacken auf die Asylunterkünfte von den Strafbehörden auch halbwegs anstän­dig untersucht, ob Täter festgenommen und die Taten geahndet werden. Die deutschen Straf­ver­fol­gungs­behörden stehen nicht erst seit den tatsächlichen Morden des National­sozia­lis­ti­schen Unter­grunds im Verdacht, auf dem rechten Auge blind zu sein. Hier haben sie die Möglichkeit, das Gegen­teil zu beweisen, und wenn sie diese Möglichkeit nicht beim Schopfe packen, dann besteht die Gefahr, dass man demnächst dazu aufrufen muss, die Antifa auszubauen und aufzurüsten. Es wäre mir echt wohler, wenn kein Bedarf an solchen Aufrufen entstehen würde. Besonders wohl wird mir aber erst dann, wenn die Deutschen jeglicher Haarfarbe und jeglichen Bauchumfangs aufhören würden, solche Internet- und Blog-Zeitungen für die Zivilgesellschaft wie eben die freiewelt.net Ernst zu nehmen.

Sprechen wir von was anderem. Kurz, nachdem ich meinen ersten Bericht zum neuen Till-Eulenspiegel-Roman abgesetzt hatte, sah ich mir ausnahmsweise eine Literatursendung in unserem neutralen Staatsfernsehen an, welche um einen eben diesen Eulenspiegel-Roman zum Gegenstand hatte. Zum anderen war als Gast der ehemalige Late-Night-Show-Moderator Mike Müller als Literaturkritiker eingeladen, den ich eigentlich ganz gut mag, nicht zuletzt wegen verschiedener Produktionen außerhalb der Late-Night-Show wie die Krimireihe «Der Bestatter» oder wegen seiner Aktivitäten am Theater, unter anderem mit einem Stück über die wichtigste Autobahn in der Schweiz. Mike Müller enttäuschte meine Erwartungen nicht und bestätigte nicht nur mein Vorurteil und Urteil zum Eulenspiegel-Buch fast wortgetreu, sondern er präsentierte seinerseits ein Buch, das ich dann halt ebenfalls erwarb, nämlich den Roman «Die Hauptstadt» von Robert Menasse. Jetzt befindet sich dieses Buch zwar sowieso auf der Belletristik-Bestsellerliste und hat also meinen Kommentar überhaupt nicht nötig, aber trotzdem möchte ich was dazu sagen, nicht zuletzt deshalb, weil ich immer noch nicht fertig bin damit. Das hat nichts damit zu tun, dass es sich nicht flüssig läse, ganz im Gegenteil, aber ich habe dieses Buch in den Adelsstand erhoben, nämlich zur Klolektüre, und leider kann ich nicht ganze Stunden auf dem Klo verbringen, wie es mir natürlich am liebsten wäre, aber da werden meine Mitbewohnerinnen unruhig und erteilen mir jeweils verschiedene undurchsichtige Aufträge durch die Klotür. Aber wie auch immer: Wenn dieses Buch auch durchaus flüssig zu lesen ist und der nötigen Spannung durchaus nicht entbehrt, so ist doch nicht dies das bestimmende Merkmal, das mich dazu bringt, es hier zu erwähnen. Vielmehr geht es bei der Hauptstadt nicht um Berlin oder Paris oder Warschau oder Budapest, sondern um Brüssel, und das ist bereits ein Erkenntnisgewinn: Tatsächlich, Brüssel ist die Hauptstadt Europas! In all den unendlichen Diskussionen über Vorzüge und Schwächen der Europäischen Union senkt sich in den Mitgliedsländern außerhalb von Belgien praktisch nie ins Bewusstsein, dass Brüssel tatsächlich seit einiger Zeit diese Funktion ausübt. Menasse beschreibt verschiedene Zyklen und Prozesse am Rand des effektiven Geschehens in der Brüsseler Machtzentrale, und damit legt er den ersten mir bekannten Roman vor, welcher für dieses neue supranationale Gebilde das leistet, was der französische Roman im 19. Jahrhundert für Paris als Hauptstadt Frankreichs geleistet hat. Dabei bin ich durchaus nicht der Meinung, dass dieses Buch hier übermäßig magistral oder etwa gar abschließend wäre, bewahre. Dass zwei Hauptmotive Holocaust zum einen, Schwein und Schweine zum anderen und somit und insgesamt eine schiefe Art von Judenfrage zum dritten heißen, finde ich zum Beispiel überflüssig und im Grunde genommen jenseits der Grenze zum guten Geschmack.. Nichtsdestotrotz: Menasse erbringt zum ersten mir bekannten Mal die Erhebung von Stadt und Administration in den Rang einer kulturellen Größe. Er schafft eine kulturelle Sphäre für die Europäische Union und die Kommission, wie ich das bisher noch nirgends beobachtet habe – unter anderem nicht bei mir selber. Die europäische Literatur strotzt vor Bekenntnissen zu den Idealen des Humanismus und des großen Europas, aber sie bleibt doch immer strikt national, wenn auch unter einem ästhetischen Vorwand. Menasse tut hier einen durchaus nicht übermäßig großen, aber qualitativ entscheidenden Schritt auf eine neue Ebene.

Als ich dies realisierte, musste ich lachen, und dieses Lachen möchte ich Euch auch empfehlen, und ich würde Euch auch empfehlen, Euch künftig viel stärker mit dieser europäischen Ebene zu beschäftigen; denn nur diese Sorte der Beschäftigung führt dazu, dass Europa irgendwann auch tatsächlich eine Realität wird. Daneben mögt ihr und werde auch ich weiterhin die Aufmerksamkeit auf die Ereignisse in eurer mittelbaren und unmittelbaren Umgebung richten, aber die Finalität, die letzte Ausrichtung muss eben mit der Zeit umpolen, wer auch wirklich einen Kontinent ohne Grenzen will. Auch wenn dieses Anliegen im Moment grad ein wenig anachronistisch erscheint.

Was haben wir noch? Auf Malta hat die Regierung des Fischers und seiner Frau, also von Joseph und Michelle Muscat, zehn Personen verhaften lassen wegen des Mordes an Daphne Caruana Galizia. Sehr schön, vielleicht sind die exekutiven Täter tatsächlich unter den Verhafteten, aber die effektiven Täter, die Auftraggeber, die sind nach wie vor an der Spitze der Regierung, soviel steht fest. Sie haben sich vollständig Wladimir Putin assimiliert mit seinen Auftragsmorden an Anna Politkowskaja und Boris Nemzow, neben verschiedenen anderen Dingen, von welchen wir hier sowieso keine Ahnung haben. Allerdings liegen die Notwendigkeiten in Russland etwas anders als in Malta. In Malta geht es um die kleinen privaten illegalen Geschäftchen des Ehepaars Muscat, während Putin doch immerhin den Supertanker Russland zu steuern versucht, und zwar nicht ohne Geschick, wie man ebenso neid- wie skrupellos anerkennen muss. Politkowskaja und Nemtsow und andere vor und nach ihnen sind Kollateralschäden; Daphne Caruana Galizia ist kein Kollateral­scha­den, sondern einfach ein Akt der Barbarei in einer ansonsten nach den Regeln der internationalen Sozialdemokratie organisierten Gesellschaft Europas.

Ach ja, die Regeln der internationalen Sozialdemokratie: Die nationale Sozialdemokratie Deutschlands fragt sich nach den Gründen für ihr schlechtes Abschneiden bei den Wahlen, sie könnte sich aber genauso gut fragen, weshalb die nationale Sozialdemokratie Frankreichs sich im Frühjahr gerade schlicht und einfach aufgelöst hat. Die Antwort ist simpel, und ich bete sie an dieser Stelle seit langer Zeit immer wieder vor: Die Gesellschaft oder die Gesellschaften Europas funktionieren nach den Regeln der internationalen Sozialdemokratie, da braucht es kein Programm mehr dazu. Wer sich auszeichnen möchte, muss ein paar neue Ideen bringen. Das kann durchaus der Hinweis auf die Bedeutung Europas sein, wie dies von Martin Schulz hin und wieder zu hören ist und wofür man ihn loben muss. Allerdings scheint er gleichzeitig nicht in der Lage zu sein, diese Prinzipien zur Unique Selling Proposition der deutschen Sozialdemokratie zu machen. Das ist schade.

Hier findest du alle Kolumnen von Albert Jörimann von 2007 bis heute.

Albert Jörimann
12.12.2017

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