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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - Twitter

Irgendeine Universität auf dieser Erde, ich glaube sogar in Deutschland, hat, vermutlich auf der Suche nach einem Alleinstellungs-Merkmal, also nach der Unique Selling Proposition, sich zum Ziel gesetzt, den bibliothekarisch-archivalischen Auftrag oder die Summa Positivistica, das Sammeln des gesamten menschlichen Wissens, auf die sozialen Netzwerke auszudehnen.



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Sie hat also alle abgesetzten Tweets auf der ganzen Welt gespeichert, es soll nichts vergessen sein, jeder Cent zählt, die Bewegung auch des kleinsten Staubkorns im Universum, von wo übrigens der Name Universität auch abgeleitet wird, also nicht Staubkorn, sondern Universum oder Universalität, verdient der Hege und Pflege zwecks möglicher späterer wissenschaftlicher Erforschung und Auf­bereitung, und da die Akademisierung der modernen Gesellschaft unvermindert voranschreitet, übri­gens mit deutlichen und nach wie vor wachsenden Vorteilen für das weibliche Geschlecht, braucht es auch zunehmend Futter für die steigende Anzahl an WissenschaftlerInnen, welche sich mit den verschiedenen Erscheinungsformen des Seins beziehungsweise mit dem Seienden ausein­ander setzt. Anders gesagt: Mit dieser Unique Selling Proposition schien die Zukunft eines ganzen neuen Ontologie-Forschungsbereichs gesichert, natürlich immer unter der Voraussetzung der Be­willigung der entsprechenden Haushaltsmittel, aber angesichts eines derart umfassenden Ansatzes sprach wohl wenig gegen diesen neuen Wissenschaftszweig. So weit, so gut und begreiflich, auch wenn diese Universität mit diesem Unterfangen in eine gewisse Konkurrenz tritt mit den echten Bibliotheken und Archiven der Moderne, nämlich mit den Datenservern von Google und anderen.

Das erinnert mich übrigens daran, dass jemand kürzlich bei einer Diskussion über Inflation und Kaufkraft gesagt hat, dass die Zusammensetzung des Warenkorbes, der als Grundlage dient für die Berechnung der Lebenshaltungskosten, unterdessen ziemlich schief geworden sei, indem nämlich zahlreiche Produkte und Dienstleistungen im Alltag gratis erbracht würden, zum Beispiel eben Suchmaschinen, aber auch zahlreiche Computerprogramme und Internet-Inhalte stehen frei zur Verfügung, und wenn uns dies auch als selbstverständlich erscheine, so müssten diese Dienste im Grunde genommen ebenso in den Warenkorb einfließen wie zum Beispiel die Wohnungsmiete, welche in der Regel ebenfalls nicht darin enthalten ist, vermutlich, weil sie sich nicht besonders einfach standardisieren lässt, und trotzdem macht sie einen ansehnlichen und wiederkehrenden Batzen aus bei Menschen, welche nicht selber Besitzer von Wohneigentum sind.

Da schweift mein Geist schon wieder ab zur Frage: Habt ihr euch eigentlich schon mal Gedanken gemacht darüber, wieviel Geld der internationale Raubtierkapitalismus den Besitzern von Wohn­eigen­tum in der Form von lächerlich niedrigen Zinsen für ihre Hypotheken in den Rachen geworfen hat? Darüber schreibt wieder niemand, nicht wahr! In der Schweiz macht dies bei einem gesamten Hypothekarkreditvolumen von 800 Milliarden Franken und einem Zinssatz von 1% eine Summe von 32 Milliarden Franken im Jahr aus im Vergleich zum banküblichen technischen Satz von 5%. Damit könnte glatt die Finanzierungslücke für ein bedingungsloses Grundeinkommen gestopft werden!

Aber zurück, erstens zum Warenkorb, zu dem ich noch anfügen wollte, dass er auf Spanisch Canasta heißt, was meines Wissens bei uns die Bezeichnung für ein Kartenspiel ist, und zwar habe ich zwei Varianten im Kopf, die Canasta Alimenticia für ärmere Länder, wo man sich an die Nahrungsmitteln hält, weil das Einkommen für weitere Kapriolen nicht ausreicht, und die Canasta de Bienes, mit welcher man den Gütern und Dienstleistungen näher kommt. Zweitens noch weiter zurück zu besagter Universität. die also den Wettkampf mit Google aufgenommen hat auf einem Gebiet, das für Google wohl weniger interessant ist, nicht nur wegen des Nettoverlustes des Unter­nehmens Twitter von einer halben Milliarde Dollar im Jahr 2016, sondern vor allem wegen der Datenqualität. Für die Universität dagegen gilt: Was sind schon 500 Millionen Verlust angesichts der vorher erwähnten Maxime: Es soll nichts vergessen sein!

Nun aber, also noch im alten Jahr, Ende 2017, hat sich die Universität dann doch entschlossen, diesen Teil ihrer Unique Selling Proposition zu liquidieren. Andere Teile dagegen, zum Beispiel und vielleicht die Soziologie des Internets und, oder: oder im Bereich Wirtschaftswissen­schaften die dynamische Rentabilisierung von Social-Media-Investitionen, werden weitergeführt und vielleicht sogar noch ausgebaut, aber die Archivierung der globalen Tweets wird aufgegeben. Und dies völlig zu Recht, denn der Anteil an Scheißdreck an diesem ganzen Twitter-Universum ist enorm. Er liegt sicher nicht bei 100 Prozent und vielleicht nicht mal bei 50%, Twitter wird ja hie und da auch als Nachrichtendienst verwendet, und hier empfiehlt es sich, bei den Nachrichten und damit bei den Tatsachen zu bleiben; dagegen steht Twitter durchaus nicht im Rufe jenes Mediums, über welche philosophische Fragen abgehandelt werden, wie dies zum Beispiel in Zeitschriften wie dem Magazin «Hohe Luft» der Fall ist. Hierbei handelt es sich um ein Magazin «für alle, die Lust am Denken haben», wie der Claim zum Titel heißt, und ich wollte schon kichernd im Impressum nachlesen, wie hoch denn die Auflage von Hohe Luft sei, um daraus die Anzahl von Menschen mit Lust am Denken in Deutschland und Umgebung zu ermitteln, als mir durch den Kopf fuhr, dass die Print-Auflage heute auch für Philosophie-Magazine nicht mehr allein den Ausschlag gibt. Aber Ihr merkt schon, ich bin etwas skeptisch gegenüber von Kanälen, welche das, unglücklicherweise sehr elitäre Philosophie-Geschäft einem Massenpublikum verklickern wollen, das erinnert mich an Anlageberater, welche Kleinanlegern Renditen im zweistelligen Bereich versprechen. Aber die «Hohe Luft» nimmt schon im Titel sehr viel Bombast-Ballast heraus mit den Assoziationen an heiße und dünne Luft und der ironischen Gleichsetzung von Geist und Luft, das lassen wir also zunächst mal stehen, um dann nach der Lektüre von ein paar Artikeln zum Schluss zu kommen, dass es sich durchaus nicht um ein Heft für Experten handelt.

Das muss ja auch nicht sein, aber man muss sich dann einfach damit abfinden, dass zum Beispiel der Artikel über Transzendenz in der ersten Ausgabe dieses Jahres eher als plätscherndes Geplauder zu lesen ist statt als Einstieg in die, wie ich fürchte, einzige und zentrale Sinn-Frage für den Menschen. Auf diese Frage sollte auch der übelste Materialist ein paar Antworten bereit halten, natürlich nur für Notfälle, und diese Antworten würde ich nicht raten, aus dem rasenden Querschnitt durch Elfenwelten, Nahtoderlebnisse, Geistesgeschichte und Auflösung des Selbst- im Nationalbewusstsein im besagten Artikel zu beziehen. Naja: Was ist denn nun wirklich Transzendenz? Ungefähr das Hinausgehen, das Übersteigen der gegebenen existenziellen Ebene auf eine neue Ebene oder in eine neue Dimension; und das ist im Zeitalter des platten Rationalismus tatsächlich eine revolutionäre Kategorie.

Aber ich war ja bei Twitter als ausgesprochen antitranszendentem Kommunikationskanal. Soweit es sich nicht um Nachrichten, sondern um die Welt der Kommentare handelt, wird auf Twitter mehr oder weniger alles in Worte gefasst, was eine jede und ein jeder von uns in ihrem oder seinem Kopf herum trägt. Arbeitshypothese hierzu: Der ganze Strunzbrunz ist voll ausgebaut bei praktisch jedem eingetragenen Mitglied der Gesellschaft in der Oberstube vorhanden!, wobei diese Ware in den meisten Köpfen doch geordnet und katalogisiert und hierarchisiert herum wabert.Von all den vielen dummen und strohdummen Geistesblitzen, die durch unser Hirn schießen, bevor wir auch nur einen mäßig intelligenten Satz formulieren wie zum Beispiel «Hoffentlich löst der Streit zwischen Slowenien und Kroatien über ein paar hundert Meter Meereszugang wieder einen Balkankrieg aus», schafft es in der Regel kein einziger in die Audiosphäre, aber auf Twitter sind sie alle zuverlässig und lückenlos zu lesen. Mit anderen Worten: Es ist, als würden alle Menschen im gleichen Kopf aus den gleichen Zutaten ihre Auswahl treffen oder eben auch nicht, sodass wir auf Twitter sozusagen den Molekülen der Meinungsbildung begegnen, lange bevor sie sich zu so etwas wie dem Bauplan einer persönlichen Meinung zusammenklumpen.

Twitter kann in dieser Beziehung die Führungsrolle beanspruchen. Das heißt nicht, dass der Mensch seiner Fachkompetenz nicht auch auf anderen Kanälen Ausgang gewähren kann, auf Facebook oder sehr gerne auch in jenen Foren, wo sich Menschen mit einer eigenen, persönlich/individuel­len Meinung austauschen mit anderen Menschen mit der gleichen Meinung. Hin und wieder zitiere ich hier mit der Faszination am Ekligen solche Einträge, die im Moment mit Vorliebe die Ausländer im Inland betreffen, zum Beispiel dass die Ausländer jeden Tag einen reinrassigen Deutschen ermorden und dass die Bundesregierung das klammheimlich befördere, um die deutsche Rasse auszurotten. Solche eigene, persönlich/individuellen Meinungen gibt es zuhauf, und für ihr Aufkommen gibt es auch eine Erklärung, wie ich letzte Woche bei einem Spaziergang im Schnee beziehungsweise beim Verspeisen einer Portion Raclette erfuhr. Am Nebentisch legte ein Schweizer Landsmann einem Gast aus Frankreich dar, dass es ein Fehler gewesen sei von Angela Merkel, im Jahr 2015 eine Million Flüchtlinge ins Land zu lassen. Ich gebe zu, dass die Erklärung eigentlich gar keine ist, sondern nur der gleiche Karsumpel wie der mit dem Genozid an den Deutschen durch 365 Morde im Jahr, einfach etwas weniger behämmert. Ich aber sage euch, es war kein Fehler, und zwar aus dem einfachen Grund, weil man in dieser Situation gar nicht richtig handeln konnte, und da haben Frau Merkel und ihre Koalitionspartner einfach das getan, was einigermaßen möglich war, ohne die Reputation einer Kulturnation gleich radikal zu versenken wie zum Beispiel die Ungarn. Nicht richtig handeln kann man aus dem Grund, weil man eigentlich mit den weniger Privilegierten Mitmenschen auf der Mit-Erde viel mehr teilen müsste, als man es gerade tut, und zwar nicht auf Facebook, sondern in Kalorien und Knete. Das wiederum ist ein außerordentlich komplexes Unterfangen, weil man sich hier auch mit den Strukturen beschäftigen muss, weniger bei uns als in den Herkunftsländern all der Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlinge. Hier müssen Kräfte wirksam werden, welche über unseren guten Willen hinaus gehen, in erster Linie die heilsamen Kräfte eines nachhaltigen Wirtschaftsaufschwungs in diesen Herkunftsländern. So, wie es aussieht, haben sich diese Kräfte in der Zwischenzeit auch tatsächlich ausgebildet und beginnen allmählich zu greifen, und bis es soweit ist, wollen wir hier alle einigermaßen zivilisiert und vernünftig weiterhin ein Leben in Anstand und bei schönen Kartoffelklößen und Rindsroulade führen.







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Albert Jörimann
02.01.

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