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"Aus neutraler Sicht" von Albert Jörimann - The Square

Ganz sicher bin ich mir noch nicht darüber, wie ich den Film «The Square» einordnen soll. Er spielt in Kopenhagen, also in einer Gesellschaft, welche die sozialdemokratischen Prinzipien des Wohl­fahrts­staates und der Gleichberechtigung schon sehr weit entwickelt hat und über eine lange Praxis darin verfügt; die politische sozialnationalistische Rechte wird nicht thematisiert und ist somit als Bestandteil des Szenenbildes wohl unterstellt.



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Eine Satire über den Kunstbetrieb sei es, sagen die einen und haben mindestens zum Teil Recht, aber hier wird noch oder vor allem anderes abgehandelt, in erster Linie das Verhältnis des modernen, städtischen Klein­bürger-Menschen zu einer Natur, zu welcher auch die Exoten der Gesellschaft gehören, namentlich Einwanderer und Arme. Diese Natur ist so fremd und exotisch, dass der Kleinbürger sie bereits als Staffage in seine Wohnung holt, es könnte ganz gut ein rumänischer Bettler sein, den man an einem oder zwei Wochen­tagen zu Tisch oder gar zu Bett bittet. Der Kleinbürger ist nicht mal mehr beson­ders mutig, wenn er sich zu Abenteuer- oder Unterhaltungszwecken in den Dschungel des sozialen Wohnungs­baus begibt, hier leistet man sich einen Nervenkitzel, bei dem höchstens der Unterneh­mens-Tesla ein paar Kratzer abkriegt. Ganz sicher, ganz dicht ist diese Kleinbürger-Welt noch nicht, es drohen immer noch Einbrüche der Natur in diese gewaltige Spaßgesellschaft. Dabei kann es sich um äußere oder innere Ereignisse handeln, die Außenbeziehung wird in diesem Film auf drei Erzähl-Ebenen von zwei Affen beziehungsweise Affenmenschen gegeben sowie von der erwähnten Sozialsiedlung, die innere Abgrenzung ist in dieser Gesellschaft mit einem komplexen Regelwerk des sozialen Verhaltens, welches wir normalerweise Political Correctness nennen, sowieso ein Dauerthema, hinter jeder Tür lauert der innere Schweinehund. Gleichzeitig ist es aber auf jeden Fall ein Privileg des Kunstbetriebes, mit diesen Einbrüchen zu spielen, eben, sich einen gediegenen Nervenkitzel reinzuziehen. In dieser Beziehung kommt man sehr schnell auf den Gedanken, dass dieser Nervenkitzel recht eigentlich die Existenzberechtigung des modernen Kunstbetriebes sei, was dann wohl der erwähnte satirische Beitrag zu Thema gewesen wäre. Aber im Grunde genommen besteht diese Spannung für die gesamte, unterdessen generell recht wohlsituierte Bevölkerung. Man hat und kann alles, die kaufkraftbedingten Unterschiede sind graduell. Auf dieser Grundlage ergehen sich die Menschen in ihren eigenen Aktivitäten, vom Beruf über die Freizeit bis zur Verantwortung für die eigenen Kinder, welche man dank den Errungenschaften des Sozialstaates ebenso routiniert wahrnehmen kann wie sonst eine Verpflichtung. Es läuft immer ungeheuer viel, getrieben von einer nicht ausgesprochenen Funktion, als würden hier pausenlos Rädchen drehen, die schon längstens aus ihrem Räderwerk heraus gefallen sind. Sie haben den Zustand weitgehender Selbstbestimmung erreicht, aber ihr Selbst ist erodiert oder hat sich gar nicht erst richtig ausgebildet.

Vielleicht habe ich in diesem Film zum ersten Mal unsere Gesellschaft als jene neue Gesellschaft gesehen, die sie tatsächlich geworden ist. Ein Indiz dafür ist die Kameraführung. Das Bild wackelt nicht mehr den Menschen hinterher unter Vorspiegelung irgendeiner Authentizität oder Aktualität, sondern die Menschen bewegen sich ganz sauber in Tableaux, die leicht klinisch metallen eingefärbt sind, und sie haben sich zurechtgemacht comme il faut für das Flanieren durch unsere Bilder. Nicht etwa, weil sie ins Theater gehen oder ins Kino, sondern weil der moderne Mensch das nun mal so hält mit blanchierten Zähnen, blondierten Haaren und getupftem Teint.

Der Film hört auf mit dem Rücktritt des Helden von seiner Position als Kurator des Kunstmuseums, wobei unklar bleibt, ob dieser Rücktritt dann auch tatsächlich erfolgen wird oder nicht, aber es kümmert den Helden nicht übermäßig, er weiß, dass er auf jeden Fall weiterhin irgend eine Funktion einnehmen wird, vielleicht nicht gerade diese prominente, aber irgendeine wird es schon sein; man ist eben nicht mehr ein Leben lang ein Rädchen im gleichen Werk, sondern man dreht bereits im übergeordneten Sinne. Und so habe ich den Helden weiter funktionieren lassen und bin nach zwei Stunden mit dem Eindruck aus dem Kino gegangen, dass dieser Film locker noch weitere zwei Stunden dauern könnte, und ich würde es vermutlich sogar weiter aushalten im Kino, unter der Bedingung einer Pinkelpause, aber von nichts weiter, vor allem wegen der Spannung, welche dauernd über den Bildern schwebt, die Spannung, die ich wie gesagt in der Substanz als jene zwischen dem modernen urbanen Menschen und seiner Natur identifiziere.
Ich bin etwas ausführlicher geworden zu diesem Film, weil ihm mindestens in den zwei bis drei obersten Schichten zwei Elemente vollkommen abgehen, die ich in der Regel für unerlässlich halte für einen guten Film: entweder eine absurde oder fantastische Komponente oder aber dann doch eine kleine Bemühung, wo nicht um Sozialkritik, so doch um soziale Einsicht. Nun habe ich möglicherweise eine gewisse Einsicht über die Entwicklung des modernen Menschen gewonnen, aber besonders kritisch ist das nicht, wenn ich auch froh bin, dass sich der Film die gängigen Verweise auf die Not der Menschen in den unteren Schichten weitgehend erspart. Einmal hält der Held einen Monolog zu diesem Thema in der Form einer Videobotschaft an die Eltern eines türkischen Jungen, dem er über die Leber gekrochen ist. Diese Videobotschaft enthält genau so viel Substanz wie alle anderen bekannten Verlautbarungen von politischen Parteien oder von einer attac-Arbeitsgruppe: Es sind Phrasen und Floskeln, die nichts bewirken außer dem Beweis, dass die Person, welche sie von sich gibt, von Grund auf in Ordnung ist. Das sind Botschaften wie das seit zweitausend oder mindestens tausendsiebenhundert Jahren unveränderte Lukas-Evangelium.

Gehen ihm also diese Elemente ab, und trotzdem reißt er den Vorhang auf für eine neue Art der Darstellung, nein: für eine alte Art der Darstellung, aber neuer Problemzonen. Es könnte sein, dass mit «The Square» eine neue Ära des skandinavischen Films eingeläutet wird. Geschichten aus dem frei flottierenden Räderwerk moderner sozialdemokratischer Gesellschaften. Das gibt mit Sicherheit Stoff her für mehrere Jahre flotten Schaffens. Ich selber weiß noch nicht mal, welche Krisen solche Menschen durchleben, welche Filmstoff hergeben könnten, und lasse mich also gerne überraschen.

Die Welt als solche ist bekanntlich ein Sammelsurium völlig unterschiedlicher Menschen und Ge­sellschaften; ich unterstelle mal, dass die skandinavisch-sozialdemokratische die am weitesten entwickelte Form des Zusammenlebens ist, die afrikanische südlich der Sahara streckenweise noch Verweise auf steinzeitliche Formen enthält, aus welchen sich die Menschen seit ein paar Jahr­zehn­ten in Windeseile fortbewegen, dass die muslimischen Anordnungen gegenwärtig vor allem von Verhärtungen geprägt sind als Reaktion auf die Triumphe der westlichen Kultur und Tech­nologien, während China und Japan einen vermeintlich eigenen Weg gehen, der aber im Wesentlichen darauf beruht, dass die Menschen als Rädchen in höheren Formen funktionieren. Eine unbestechliche Sicht darauf haben aber auf der Welt vor allem zwei Unternehmen, die beiden großen Rückver­si­che­rungsgesellschaften München und Zürich. Am 24. Dezember habe ich ein Interview mit Christian Mumenthaler, dem Chef der Swiss Re gelesen, aus welchem ich ein paar Auszüge wiedergeben will, zunächst zum Klimawandel. «Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich das Klima derzeit erwärmt und dass dies durch uns Menschen verursacht wird», sagt Mumenthaler, und am ehesten sichtbar werde dies vermutlich am ehesten in der Landwirtschaft oder bei kleineren Ereignissen wie Tornados, während bei großen Hurrikans der Zusammenhang mit der Klimaerwärmung schwierig nachweisbar sei. Für die Schweiz liege das größte Risiko, abgesehen von allfälligen Naturkatastrophen, bei Pandemien und dem Ausfall der Stromversorgung, und zwar bezüglich der Pandemie nach wie vor bei der klassischen Grippe, was etwas erstaunlich tönt, aber Mumenthaler beharrt darauf, ich zitiere: «Nehmen Sie die Schweinegrippe vor ein paar Jahren. Die Bevölkerung hat das Gefühl, dass man damals überreagierte. Als Experte muss ich sagen: Überhaupt nicht. Wir sehen nur die Zahl der Toten, wissen aber nicht, wie viele Menschen infiziert waren. Es hätte in einem Desaster enden können. Das war wie ein Testlauf für die Menschheit.» Weniger erstaunlich ist dann die Einschätzung, dass Atomkraftwerke letztlich nicht versicherbar sind gegen Unfälle. Cyber-Attacken sind ein weiteres Thema; hierzu meint Mumenthaler, dass es völlig klar sei, dass zwei bis drei Großmächte die Möglichkeit hätten, in die kritische Infrastruktur anderer Staaten einzudringen und dies laut Experten wohl bereits getan hätten. Die Risiken im Cyberbereich seien bedenklich, und die Risikolandschaft verändere sich sehr schnell, vor allem durch die immer weitreichendere Vernetzung. Auf die Frage, welche Risiken allgemein unterschätzt würden, lautet die, für mich doch eher überraschende Antwort: «Die geopolitischen Risiken sind stark gestiegen. Insbesondere die Gefahr, die von Nordkorea ausgeht, wird unterschätzt.» Die Wahrscheinlichkeit einer Intervention durch die USA, die aber auch schief gehen könnte, liege deutlich höher als 1 Prozent, und dies hätte auch Auswirkungen auf die Kapitalmärkte sowie auf das Lebensversicherungsgeschäft in Südkorea, denn bei Lebensversicherungen spiele die Todesursache keine Rolle. Mit anderen Worten: Wenn es in Nordkorea knallt, sterben die Menschen in Südkorea.

Schließlich gibt es noch ein paar Worte zu den Anlagerisiken, denen auch ein Rückversicherer unterworfen ist, und zu den Problemen rund um die steigende Lebenserwartung beziehungsweise der damit verbundenen Ansprüche an das Vorsorgesystem, über welche allerdings auch an anderen Orten diskutiert wird.

Im globalen Versicherungsüberblick 2017 mit Ausblick per 2018, welchen die Swiss Re bereits im November 2017 publiziert hat, ist die Rede von einem anhaltenden zyklischen Wirtschaftsaufschwung, der in den USA und in Europa in nächster Zeit anhalten soll bei gewissen Vorbehalten gegenüber Großbritannien wegen des Brexit, und in China und Japan wird sich das Wachstum abschwächen, wobei dies für China auf ansehnlichem Niveau stattfindet, nämlich von prognostizierten 6.8% Wachstum im Jahr 2017 auf 6.2% im Jahr 2019. Japan liegt da deutlich dahinter, soll aber immerhin weiterhin prosperieren bis im Jahr 2019, wo eine Mehrwertsteuer-Erhöhung zu einer Zunahme der Inflation führen wird, was die Realeinkommen und das Wachstum beeinträchtigen wird. Für die Eurozone sagt Swiss Re bis im Jahr 2020 eine Inflationsrate von unter 2% voraus. Bezüglich der Schwellenmärkte vermerkt das Unternehmen, dass es in Russland wie auch in weiteren Schwellenländern im Jahr 2017 wieder Wachstum gab, natürlich vor allem dank der steigenden Energiepreise. In Afrika nimmt das Wachstum wieder zu, vor allem in Nordafrika mit Ausnahme von Libyen, während Lateinamerika sein Wachstumspotenzial erst Mitte 2019 wieder erreichen soll, wobei hier politische Turbulenzen bis hin zu den NAFTA-Neuverhandlungen eine Rolle spielen.

Den ganzen Bericht kann man auf der Webseite der Swiss Re unter Medien abrufen.




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Albert Jörimann
26.12.2017

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