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Aus neutraler Sicht von Albert Jörimann "Offener Brief an die Griechen"

[10. Kalenderwoche]
Liebe Griechinnen und Griechen! Wie geht es euch? Mir geht es gut. Es ist etwas kalt hier, da habt ihr es sicher besser und wärmer,


in Athen sicher auch dank dem Smogdeckel, der im Winter viel Heizenergie sparen hilft, wie ich mir vorstelle. Und wenn’s sonst mal zu kalt wird, könnt ihr immer noch die restlichen Wälder oder Büsche rund um die Hauptstadt anzünden, wie? Hahaha! – Na, das war natürlich nur ein Scherz, ich weiß schon, dass das nicht ihr seid, sondern bloß die Bauspekulanten. Aber wisst Ihr was? Bauspekulanten gibt’s hier auch, die gibt’s sozusagen überall, wo entfernt noch gebaut wird, und trotzdem zünden die Bauspekulanten hier keine Naturschutzgebiete an. Das ist merkwürdig, nicht? Aber eigentlich wollte ich genau deswegen mit euch reden, liebe Griechinnen und Griechen. Nämlich habe ich gehört, dass Ihr gegenwärtig tüchtig am Streiken und Protestieren seid gegen die Sparprogramme, welche der gegenwärtige Repräsentant der Familie Papandreou nun doch beschlossen hat, damit die internationalen Finanzmärkte für Euren Staat wieder etwas Geld locker machen und damit die EU-Kommission und die reichen EU-Staaten sehen, dass und wie Ernst es Griechenland ist mit der Bekämpfung all dessen, was faul ist im Staate Griechenland, und das ist nicht wenig, für einen Außenstehenden wie mich, der ich noch nie die Ehre hatte, Euer Land zu besuchen, erscheint es fast, als wäre so ziemlich alles faul in Eurem Staat, und davon muss sich wohl doch jede einzelne Griechin und jeder einzelne Grieche ein Stück für sich selber abschneiden, mit Verlaub. Ein öffentlicher Sektor, in dem nicht nur Riesenaufträge im Infrastrukturbereich, sondern bis hin zur Stelle für eine Putzfrau und bis hin zur simpelsten Dienstleistung nichts zu haben ist ohne Schmiergelder, was auf Griechisch laut Kara Ben Nemsi «Bakschisch» heißt, solch ein Bakschisch-Basar ist nun mal alles andere als modern, und das möchtet Ihr beim Protestieren bitte auch noch beachten. Es bringt einfach nix, wenn Ihr Eure eigenen Betrügereien der Europäischen Union in die Schuhe schieben wollt, weil die angeblich zuwenig aufgepasst habe und die von irgendeiner griechischen Regierung bzw. vom Familienclan der Karamanlis oder der Papandreou gefälschten Bilanzen bei der Einführung des Euro einfach unbesehen übernommen hat. Wenn das vielleicht auch ziemlich bekloppt war, da mögt Ihr ja Recht haben, geschätzte Griechinnen und Griechen, und wenn der EU vielleicht sogar aktiv daran gelegen war, bei der Einführung des Euro nicht allzu genau hinzukucken, wenn all diese Unterstellungen im Kern sogar zutreffen mögen, so ändert dies nichts an der Tatsache, dass die Betrügereien letztlich von Euch bzw. von Eurer Regierung bzw. von Eurem kaputten, korrupten Staatsapparat vorgenommen wurden und nicht von der Europäischen Union. Also möchtet Ihr, so mein objektiver und neutraler Rat, Euren Protest doch gerne gegen die zuständigen Stellen richten und letztlich, ich meine es Ernst, auch gegen Euch selber, die Ihr dies alles jetzt seit den 1970-er Jahren wachsen sehen und aktiv und passiv mit getragen habt.

Aber Kopf hoch, geschätzte Miteuropäerinnen und Miteuropäer, es ist noch nicht alles verloren, und damit will ich durchaus nicht sagen, dass die EU vielleicht nochmals Geld zur Verfügung stellt, das ihr dann in einem letzten Krampf nochmals irgendwie verludern könnt, Gott bewahre, ich hoffe wirklich, dass das weder die gesamte EU noch irgend ein dummer Mitgliedstaat tut. Nein, jetzt seid Ihr am Zug, geschätzte Griechinnen und Griechen, Ihr, das so genannte Volk. Nehmt Euch ein Beispiel an der ehemaligen DDR, wo die Bevölkerung vor zwanzig Jahren einen Staatsapparat in die Wüste geschickt hat, der noch nicht mal korrupt war, sondern im Vergleich zum Euren maximal effizient; trotzdem wurde die DDR demokratisiert und anschließend sogar liquidiert, wobei ich Euch gar nicht die Liquidation Griechenlands, sondern nur des griechischen Staatswesens nahe lege. Allerdings halte ich die Auflösung Griechenlands selber ebenfalls für eine Option, und zwar unter der Bedingung, dass Ihr Euch der Türkei anschließt; die Bulgaren im Norden dagegen wären nicht reif für die Absorption von derart ungeheuren Mengen Mist.

Wie auch immer, ich sage euch jetzt, was ihr machen müsst, also hört gut zu. Erstens protestiert, demonstriert und generalstreikt munter herum, das ist gut für Körper und Geist; aber Ihr solltet dazu nicht mehr irgendwelche Allgemeinplätze skandieren, sondern Ihr solltet die Skandale benennen und Eure Aktionen zielgerichtet auszuführen beginnen. Das heißt als allerersten Schritt: Ihr wandert jetzt sofort vor das Parlament und sorgt dafür, dass die Vögel nicht mehr heraus kommen, bevor sie nicht folgende Mindestforderungen erfüllt haben: Erstens Kürzung der Parlamentarierdiäten um exakt 55%. Zweitens müssen nicht 30% des 14. Monatslohns der Staatsangestellten gekürzt werden, sondern die Forderung lautet klar und deutlich: Streichung des gesamten 14. Monatslohns zum ersten, Entlassung von 55% des Staatspersonals zum Zweiten, und zwar sofort. Die Entlassenen erhalten künftig das, was in Griechenland ein ordentliches bedingungsloses Grundeinkommen wäre; die Einführung dieses Grundeinkommens machen wir später, aber für die direkt Entlassenen Staatsdiener muss man das jetzt vorziehen.

Soweit alles klar? Gut. Anschließend oder meinetwegen gleichzeitig marschiert ihr auf die staatlichen und privaten Radio- und Fernsehanstalten und nehmt die in Volksbesitz, damit die nicht die ungebildeten Massen auf dem Lande aufhetzen. Ihr sorgt dafür, dass unmittelbar nach der Besetzung redaktionelle Standards eingehalten werden, wie sie z.B. die britische BBC einhält. Das dürfte diesbezüglich schon genügen.

Drittens und immer noch gleichzeitig müsst Ihr dringend eine Bewegung oder vielleicht sogar eine politische Partei gründen, in welcher allerhöchste moralische Maßstäbe angesetzt werden, also allerhöchste mindestens nach griechischen Maßstäben. Die Korruption ist leider kaum zu bekämpfen, wenn nicht eine wichtige Fraktion in der Gesellschaft öffentlich moralisch dagegen hält. Eine solche Partei ist mir in Griechenland bisher nicht bekannt, und übrigens habe ich solche Forderungen im ganzen Spektrum des Gebrülls bei Streiks und Demonstrationen auch noch nicht gehört. Also müsst ihr die jetzt subito gründen. Nehmt meinetwegen dafür die letzten sauberen Bestandteile der griechisch-orthodoxen Kirche oder was auch immer; ich nehme jedenfalls trotz allem nicht an, dass in Griechenland sämtliche moralisch einigermaßen tauglichen Personen in den Gefängnissen sitzen, so weit wird’s ja nicht gehen, also müsste das mit ein paar aufrechten Zivilisten ungefähr funktionieren.

Weil, diese Partei müsste dann auch die Macht übernehmen und dafür sorgen, dass in Eurem Land endlich mal Institutionen und Strukturen eingerichtet werden, wie sie einer modernen Gesellschaft angemessen sind. Ich würde dabei nicht zum direkten Übergang von einem korrupten, ineffizienten und aufgeblähten Staatsapparat zu einem staatssozialistischen System raten, sondern den Umweg über eine soziale Marktwirtschaft empfehlen, wo sich die Menschen eine Zeit lang darin üben können, für das Angebot an Waren und Dienstleistungen einen, mindestens teilweise vom Markt bestimmten angemessenen Preis zu bezahlen ohne Bakschisch und anderweitige Sperenzchen und auch zur erforderlichen und ausgeschriebenen Qualität und innerhalb nützlicher Fristen. Ich glaube wirklich, das ist ein Supervorschlag: Macht ganz einfach das, was alle anderen westeuropäischen Länder vor 60 Jahren gemacht haben! Tolle Idee, was? – Und dafür sind noch ein paar institutionelle und gesetzliche Retuschen vonnöten; im Kern aber geht es vor allem darum, das Bakschisch aus dem Alltag zu verbannen.

Wenn dies gelungen ist und Ihr dann sozusagen die Reifeprüfung abgelegt hat, dann dürft Ihr Euch auch an die größeren Aufgaben machen. Ihr könntet zum Beispiel ein modernes Netz an Eisenbahnverbindungen über das Land legen. Wie gesagt: Voraussetzung ist auch hier, dass dabei Ingenieure am Werk sind und nicht Nichten und Neffen von irgendwelchen Freunden, deren elaborierteste Kompetenz es ist, aus dem Mundgeruch ihrer Gesprächspartner herauszuriechen, ob sie zum Mittagessen einen Chardonnay oder doch einen Raki getrunken haben.

So einfach ist es, geschätzte Griechinnen und Griechen!, und wenn Ihr ein solches Programm auf den Tisch legt, nachdem die erwähnten 55% der Beamtenschaft auf der Straße steht und die Parlamentarierdiäten gekürzt sind, und wenn die erwähnte moralische Partei mit diesem Programm dann auch tatsächlich im Rahmen von vorgezogenen Neuwahlen an der Macht ist, dann wird Euch die EU auch liebend gerne beistehen und vielleicht sogar das eine oder andere Brücken- oder Tunnelprojekt finanzieren.
Ich gebe Euch zur Erfüllung dieses 5-Jahres-Plans eine Frist von 6 Monaten. Solange möchte ich keinen Pieps von Schuldzuweisung an irgendjemanden anderen als an euch selber und die von euch veranstaltete Sauerei hören. Wenn Euch dieses Programm dann gelungen ist, verspreche ich, dass ich nächstes Jahr eine Woche Ferien bei Euch mache, auf einer Insel Eurer Wahl. Solltet Ihr es aber eben nicht aus eigener Kraft schaffen, dann ruft einfach den Erdogan aus der Türkei herüber. Der ist jetzt sogar mit der eigenen, also der türkischen Armee fertig geworden; da dürfte es ihm relativ leicht fallen, den griechischen Saustall auszumisten. Auch in einer vorübergehenden Konversion zum Islam sähe ich angesichts der Verfassung Eurer Staatskirche nur Vorteile. Wenn die Griechisch-Orthodoxen dann mal so richtig wieder von null beginnen müssen und vielleicht sogar das Wort des Herrn, egal ob in Bibel- oder in Koranform, wieder im Originaltext lesen, dann könnt Ihr dann meinetwegen zurückkehren zum Christentum.

Aber wie gesagt, eigentlich wäre es mir lieber, Ihr würdet die Chose selber in die Hand nehmen und innerhalb der nächsten 6 Monate erledigen. Ach ja, und noch was: Es versteht sich von selber, dass die Familien Karamanlis und Papandreou auf alle Ewigkeit hinaus ein Verbot zur Bekleidung sämtlicher öffentlicher Ämter erhalten, bis hin zum Klotürensteher im öffentlichen Parkhaus auf der Akropolis.

Viele Grüsse aus dem, wie erwähnt immer noch oder schon wieder ziemlich kalten Zürich sendet Euch, leider unbekannterweise, Euer treuer Freund

Albert Jörimann



Albert Jörimann

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Albert Jörimann
09.03.

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